»Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen« von Judith Butler

In ihrem neuen Essayband »Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Geschlechtlichen« untersucht Judith Butler das Veschwinden der Familie und die Regulierung von Intersexualität und Transsexualität. Judith Butler: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009, 416 Seiten, 24,80 Euro Ein Ausschnitt aus der Buchbesprechung "Feminismus für Refresher" von Martin Büsser über das neue Buch von Judith Butler: Die Macht der Geschlechternormen und die Grenzen des Menschlichen
Ihre zuerst in das »Das Unbehagen der Geschlechter« darlegte These von der Performativität des Geschlechts, das uns weder »gegeben« noch angeboren ist, sondern erlernt und geformt wird, steht nach wie vor am Beginn all ihrer jüngeren Texte, ganz so, als müsse es immer wieder ins Gedächtnis gerufen und gegenüber jenen wirkmächtigen Stimmen verteidigt werden, die Geschlechterdifferenz nach wie vor untermauern. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Butler in ihren neueren Aufsätzen nur ein Update von »Das Unbehagen der Geschlechter« liefert, sondern es zeigt lediglich, dass die von Butler entscheidend geprägten Gender- und Queer-Stu­dies sogar im wissenschaftlichen Kontext noch lange nicht als Allgemeinwissen oder Standard vorausgesetzt werden können. Ein gewisser Legitimationszwang, der in all diesen Texten mit­schwingt, macht auf ernüchternde Weise deutlich, wie dünn das Eis ist, auf dem Butler bis heute um Anerkennung oder auch nur Aufmerksamkeit ringen muss. Viele, die mit jün­geren linken Diskursen vertraut sind, aus denen Gender- und Queer-Studies gar nicht mehr wegzudenken sind, mag es verwundern, wie beharrlich Judith Butler immer wieder auf das Einmaleins der Gender-Theorie zurückkommt, doch genau das macht ihre Texte sympathisch, verhindert es doch ein Abgleiten in wissenschaft­liche Hermetik, die davon ausgeht, dass alles stets bei allen Lesern vorausgesetzt werden kann. Butler weiß, dass dies nicht der Fall ist. Ihre hier versammelten Texte sind in einer Zeit gesellschaftlicher Regression entstanden, in der zwar die Gender-Forschung an den Universitäten voranschreiten konnte, Werte wie Religion und Kleinfamilie zugleich jedoch eine ungeahnte Renaissance erfahren haben.

Wie es sich anfühlt, arm und schwarz zu sein

Sudhir Venkatesh betrat das urbane Ghetto von Chicago als Ethnograph und verließ es als hustler. Mittlerweile ist er Professor für Soziologie an der Columbia University in New York. Sudhir Venkatesh: Underground Economy. Was Gangs und Unternehmen gemeinsam haben. Aus dem Amerikanischen von Christoph Bausum. Econ, Berlin 2008. 331 Seiten, 18 Euro Ein Auszug aus der Buchbesprechung: Wie es sich anfühlt, arm und schwarz zu sein von Erwin Riedmann über das Buch »Underground Economy« von Sudhir Venkatesh in Jungle World 14/09.
Wer wirklich etwas über das Leben im Ghetto herausfinden wolle, müsse mit den Bewohnern »abhängen«, statt ihnen dämliche Fragen zu stellen. Diese Methodenlektion bekam der Soziologiestudent Sudhir Venkatesh erteilt, als er 1989 auf der Suche nach Gesprächspartnern das Ghetto von Chicago durchstreifte. Sein späterer Doktorvater William Julius Wilson, Doyen der städtischen Armutsforschung, hatte ihn mit einem standardisierten Fragebogen losgeschickt. Allen Ernstes sollte er zum Einstieg fragen, wie es sich anfühle, schwarz und arm zu sein – gemessen an einer fünfstufigen Skala zwischen »sehr gut« und »sehr schlecht«. Schon seinem ersten Informanten missfiel die Frage. Er sei kein »Schwarzer« und erst recht kein »Afroamerikaner«, sondern ein »Nigger« – ein feiner, aber entscheidender Unterschied, der das Klassengefälle unter Schwarzen markiert. Afroamerikaner wohnen in der Vorstadt, tragen eine Krawatte und haben einen Job. »Nigger« hingegen arbeiten zwar, das aber vor allem als hustler in der informellen, mitunter illegalen Ökonomie – ohne physische, materielle oder gar biographische Sicherheit. Als Spontanmethodologe glänzte hier pikanterweise der Chef der lokalen »Black Kings«. Der Drogendealer J. T. und seine Gang hielten den Eindringling, der in ihr Territorium kam, prompt für eine Nacht gefangen. Aber Venkatesh kam unversehrt wieder frei – nur um nachmittags mit einem Sixpack Bier unterm Arm zurückzukehren. Von Neugier gepackt, hatte er beschlossen, J. T. beim Wort zu nehmen und mit ihm und seinen Jungs »abzuhängen«. Für die nächsten sieben Jahre sollte der 27jährige Drogenboss zum wichtigsten Menschen im Leben des Jungforschers werden. Was Venkatesh an der Seite von J. T. erlebte, schildert er in dem Buch »Underground Economy«, das nun in deutscher Übersetzung vorliegt.

Darwin: Ideologisch Recycled

Von Darwin und seiner Evolutionstheorie, deren Übertragung vom Biologischen auf Gesellschaft und Soziales. Vom Sozialdarwinismus, von Spencer, Lamarce und der viel zitierten aber wenig verstandenen Rede vom "survival of the fittest" handelt der brilliante Artikel von Bruno Preisendörfer "Totschlagen und andere Begabungen" für Le Monde Diplomatique. Dabei fragt der Autor was von Darwin revolutionärer Entdeckung übrig bleibt und welche Bedeutungen die Evolutionstheorie heute, im aktuellen Diskurs der Biotechnologie und Genetik haben?
Worin bestehen die Gemeinsamkeiten zwischen dem aktuellen Genfetischismus, der sozialdarwinistischen Vorstellung vom Überleben des Stärksten, der kolonialistischen und schließlich der faschistischen Rassentheorien? In der Erklärung kultureller durch natürliche Unterschiede, in der Rechtfertigung sozialer durch natürliche Ungleichheit, in der Verwandlung naturwissenschaftlicher Begriffe in kulturelle Metaphern, die dann in einem ideologischen Rückkoppelungseffekt wiederum für die ,Natur der Sache' gehalten werden. Eine der beliebtesten und zugleich gefürchtetsten Phrasen ist die vom ,survival of the fittest'. Die Wendung stammt nicht von Charles Darwin, sondern von dem Philosophen und Soziologen Herbert Spencer. Allerdings hat Darwin sie in eine spätere Auflage seines Hauptwerks aufgenommen. Spencer übertrug Darwins Überlegungen zur natürlichen Evolution auf die Entwicklung von Gesellschaften und kann als einer der ,Klassiker' des Sozialdarwinismus gelten. Der ideologischen Wertverschiebung zwischen Darwin und Spencer entspricht eine ideologische Wortverschiebung: von "favoured" zu "fittest". Darwins 1859 erschienenes Hauptwerk hieß: "On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life". Darwin spricht von "favoured races", was bei den ersten deutschen Ausgaben mit "begünstigten Rassen" übersetzt wurde. Darwin spricht also nicht vom Erhalt der Stärksten, sondern von dem der Begünstigten. Diejenigen Rassen, die von der Natur begünstigt sind, erhalten sich in einer bestimmten natürlichen Umwelt am besten, jedenfalls so lange, bis sich die Umwelt ändert und das, was einmal von Vorteil war, unter neuen Bedingungen zum Nachteil wird. Analogisch korrekt aufs Soziale übertragen, würde sich das so anhören: Diejenigen Klassen, die von der Gesellschaft begünstigt sind, erhalten sich in einer bestimmten sozialen Umwelt am besten, jedenfalls so lange, bis sich die soziale Umwelt ändert - zum Beispiel durch eine Revolution - und das, was einmal von Vorteil war, unter neuen Bedingungen zum Nachteil wird. Die naturalistische Reduktion - um wissenschaftlich auszudrücken, was im politischen Nahkampf als ideologischer Trick funktioniert - ist eine halbe Sache und vielleicht deshalb ganz erfolgreich. Einerseits wird bei der Übertragung des Selektionsgedankens auf gesellschaftliche Verhältnisse die natürliche Umwelt durch die soziale ersetzt, andererseits aber die natürliche Begünstigung gerade nicht durch eine soziale. Vielmehr wird die soziale Begünstigung durch (angebliche) natürliche Stärke gerechtfertigt. Und dafür eignet sich Spencers "fittest" besser als Darwins "favoured". Das ,survival of the fittest' wurde in Deutschland von dem Mediziner und Zoologen Ernst Haeckel bekannt gemacht. Er war der große Popularisierer der Evolutionstheorie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Seine Ideen wirken bis heute nach. Beispielsweise die symbolisch beeindruckende, wissenschaftlich naive und ideologisch folgenreiche Vorstellung eines evolutionären Stammbaums mit Wurzel und Wipfel, mit Hauptstamm, Ästen und Zweigen: Symbolisch beeindruckend, weil der Baum der Evolution an den Baum des Paradieses in der Genesis anschließt; wissenschaftlich naiv, weil die Evolution kein artiges Aufstreben der Arten ist, sondern ein undurchdringliches Speziengestrüpp - auch Darwins Handskizze erinnert eher an einen Strauch; ideologisch folgenreich, weil ein Baum-Modell viel klarer als ein Strauch-Modell das Bedürfnis nach Hierarchien artikuliert, denen zufolge der schwarze Mensch unter dem weißen steht wie der Hominide unter dem Homo sapiens. Die Evolution ist ein Prozess ohne Ziel, Sinn und Zweck, vor allem ist sie kein Lernprozess, in dem sich die ,Fitten' der Umwelt anpassen. Es gehört zu den Grunddogmen der Evolutionstheorie, dass erlernte Fähigkeiten nicht vererbt werden. Trotzdem trösten sich die Menschen, zweckorientiert und sinnbedürftig wie sie nun einmal sind, über die darwinistische Zumutung der Evolution als Zufallsprozess gern mit einem Schuss Zielgerichtetheit hinweg. Es ist, im Wortsinn, verrückt: Während die kulturelle Evolution, die wirklich eher mit Lamarque beschreibbar wäre, mit darwinistischen Metaphern begriffen, besser gesagt: betatscht wird, mag man bei der natürlichen Evolution, der allein das darwinistische Modell angemessen ist, von lamarquianischen Illusionen nicht lassen.

Peter Glaser über Internet und Ethik

Peter Glaser über Internet und Ethik: In was für einer digitalen Gesellschaft wollen wir leben? Mit der Fragestellung unternimmt Peter Glaser einen philosophischen Ausflug zu den dringenden Fragen der "Informationsgesellschaft". Ein wirklich großartiger, kluger und witziger Vortrag! Auf seinem Blog "Glaserei" veröffentlicht er den kompletten Text seines Vortrags:

nehmen wir uns die Zeit, darüber zu sprechen.

Essay: The World Without Technology

In seinem Essay The World Without Technology hinterfragt Ken Kelly die anthropologischen und soziologischen Dimensionen von "Technologie". Auch wenn er am Schluss zu der recht banalen Aussage "In a world without technology, we would not be living, and we would not be human" kommt, ist der Artikel sehr lesenswert.
But I was only visiting. Living in a world without technology was a refreshing vacation, but the idea of spending my whole life there was, and is, unappealing. Like you, or almost anyone else with a job today, I could sell my car this morning and with the sale proceeds instantly buy a plane ticket to a remote point on earth in the afternoon. A string of very bumpy bus rides from the airport would take me to a drop-off where within a day or two of hiking I could settle in with a technologically simple tribe. I could choose a hundred sanctuaries of hunter-gatherer tribes that still quietly thrive all around the world. At first a visitor would be completely useless, but within three months even a novice could at least pull their own weight and survive. No electricity, no woven clothes, no money, no farm crops, no media of any type -- only a handful of hand-made tools. Every adult living on earth today has the resources to relocate to such a world in less than 48 hours. But no one does.

Was bedeutet "älter werden"?

Was bedeutet das "älter werden" für Menschen in unterschiedlichen Gesellschaften? Welche Bedeutung und kulturelle Kodifikation hat das "Alter" in verschiedenen Kulturen? Was bedeutet die demographische Entwicklung für die Gesellschaft und die Menschen in China? Wie erleben Menschen ihr eigenes "älter werden"? Und wie gehen die Gesellschaften mit ihren "Alten" um? Diesen und anderen Fragen geht die BBC Dokumentation "Third Agers" rund um den Globus auf die Spur.
  • DocArchive: Third Agers - Part One

    What is it really like to be old? In this four part series, Jane Little meets Third Agers from four continents to find out. In programme one, Jane meets some extraordinary women who’ve given old age a whole new meaning. Download Episode
  • DocArchive: Third Agers - Part Two

    What is it really like to be old? In this four part series, Jane Little meets people from four continents to find out. In part two, she hears from older people facing financial challenges in Kenya, Brazil, the UK and the US. Download Episode

  • DocArchive: Third Agers - Part Three

    What is it really like to be old? In this four part series, Jane Little meets Third Agers from four continents to find out. In programme three, Jane explores what happens when older people become frail or ill. Download Episode

  • DocArchive: Third Agers - Part Four

    What is it really like to be old? In this four part series, Jane Little meets Third Agers from four continents to find out. In the final programme Jane hears from people who have dared to think the unthinkable in managing old age. Download Episode

Neusprech: Schäubles kleines Wörterbuch

Großartig! Es gibt es also wirklich, das Schäublshce Neusprech Wörterbuch. Vorgestellt von der Zeit Online: Des Schäubles kleines Wörterbuch
Wie lassen sich Einschränkungen der Bürgerfreiheit als Gewinn für alle verkaufen? Indem man sie sprachlich vernebelt. Ein Katalog des Neusprech zur Inneren Sicherheit. "Was jemand willentlich verbergen will, sei es vor anderen, sei es vor sich selber, auch was er unbewusst in sich trägt: Die Sprache bringt es an den Tag." Den Satz schrieb Victor Klemperer, der in seinem Notizbuch eines Philologen die Sprache des Nationalsozialismus erforscht und an ihr dessen Ziele offengelegt hat. George Orwell propagierte in seinem Buch 1984 gar die Möglichkeit, durch "Neusprech", durch gezielte Wortschöpfungen, das Denken selbst zu beeinflussen. Die Prämisse der beiden gilt heute, im Zeitalter der politischen PR, umso mehr. Warum also nicht einmal untersuchen, mit welchen Worten die immer neuen Einschränkungen persönlicher Freiheiten gerechtfertigt werden, die in den vergangenen Jahren im Zuge des "Kampfs gegen den Terror" und der Stärkung des abwehrbereiten Staates verabschiedet wurden?
Die beliebtesten und schönsten Neusprech Wortschöpfungen unserer orwellschen Innen- und Sicherheitspolitiker. Mein persönliches Highlight:

Der Artikel baut auf einem Vortrag von Martin Haase auf den er auf dem 25C3, dem 25th Chaos Communication Congress gehalten hat: Neusprech im Überwachungsstaat - Politikersprache zwischen Orwell und Online

Politiker wollen ihre Überwachungspläne schmackhaft machen. Neben der inhaltlichen Verharmlosung von Vorratsdatenspeicherung, Onlinedurchsuchung, Videoüberwachung usw. nutzen sie sprachliche Mittel, um ihre Maßnahmen durchzusetzen. Negativ besetzte Wörter werden durch positive ersetzt und rhetorische Muster werden verwendet, um negative Aspekte auszublenden. Der Vortrag beleuchtet Merkmale der Politikersprache, die in Anlehnung an George Orwell als Neusprech bezeichnet werden kann. Hier der Videomitschnitt der Veranstaltung:

Orwellsche "Quantensprünge" europäischer Sicherheitszusammenarbeit

Matthias Monroy und Hanne Jobst beschreiben in dem Artikel "Quantensprünge" europäischer Sicherheitszusammenarbeit auf Telepolis den Hintergrund zum neuen "Mehrjahresprogramm" europäischer Innenpolitik. Der Artikel liest sich wie die düstersten Phantasien der negativen Utopien von Orwell und Co.

Seit Ende des letzten Jahrhunderts findet innerhalb der EU ein Umbau der "Sicherheitsarchitektur" statt, der durch die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA nochmals beschleunigt wurde. Sichtbare Phänomene sind z.B. die Verschränkung innerer und äußerer Sicherheit, ein "Pooling" von Verfolgungsbehörden und Nachrichtendiensten und vereinfachter Datenaustausch. Auf technischer Ebene wurden neue digitale Überwachungskameras, Satellitenbeobachtung, Biometrie, Drohnen, Software zur intelligenten Suche in Datenbanken und breitbandige Netze zur Verwaltung der immensen digitalen Datenflut eingeführt.

Auch neue Institutionen und Behörden wurden geschaffen, darunter das "Europäische Polizeiamt" Europol, die Polizeiakademie CEPOL , die "Grenzschutzagentur" Frontex , die "Europäische Einheit für justizielle Zusammenarbeit" Eurojust oder der "Ausschuss für die operative Zusammenarbeit" aller polizeilichen Einrichtungen der EU samt ihrem geheimdienstlichen Lagezentrum (COSI). Auf Initiative der damaligen französischen Verteidigungsministerin (und jetzigen Innenministerin) Michèle Alliot-Marie wurde 2004 die "Europäische Gendarmerietruppe" (EGF ) eingerichtet . Die EGF soll in Krisengebieten die "Öffentliche Ordnung" gewährleisten, Aufstandsbekämpfung betreiben, geheimdienstliche Informationen beschaffen und Eigentum schützen.

Mit ausführlichen Detail zeigen die Autoren das Ausmaß der polizeilichen Kooperation in der EG und EU. Und verweisen dabei auf die dem zugrunde liegende Politik welche mit den (Schein-) Argumenten der "Sicherheit" und der "Bekämpfung des Terrorismus" elementare Grund- und Freiheitsrechte einschränkt und abschafft.

Die formalrechtliche Grundlage zur "Bekämpfung des Terrorismus" liegt heute auf europäischer Ebene bei der Kommission für Justice and Home Affairs unter gegenwärtiger Leitung des Vizepräsidenten der Kommission, Jaques Barrot, in der sogenannten "dritten Säule" der EU. Vor 9/11 war polizeiliche Zusammenarbeitz.B. im Amsterdamer Vertraggeregelt (TITEL VI. Bestimmungen über die polizeiliche und justizielle Zusammenarbeit in Strafsachen Artikel 29). Bereits dort war die Schaffung des "Raumes der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts" niedergelegt. Verabredet wurden weiterhin die

  1. Engere Zusammenarbeit der Polizei-, Zoll- und anderer zuständiger Behörden in den Mitgliedstaaten, sowohl unmittelbar als auch unter Einschaltung des Europäischen Polizeiamts (Europol).
  2. Engere Zusammenarbeit der Justizbehörden sowie anderer zuständiger Behörden.
  3. Annäherung der Strafvorschriften der Mitgliedstaaten.

SitCen und Europol: Auf dem Weg zu einer zentralisierten europäischen Innenpolitik

Bereits Ende der 90er Jahre wurde in Brüssel das "EU-Lage- und Analysezentrum" (SitCen) eingerichtet, das beim Generalsekretariat der EU angesiedelt ist. Im "SitCen" organisieren sich Vertreter nationaler Geheimdienste und des Militärstabs der Europäischen Union (EUMS). Das "SitCen" sollte ursprünglich die "Gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik der Union" mit Lagebildern versorgen. Das "Haager Programm" erweiterte das Aufgabenspektrum um das Sammeln von "Informationen über potenzielle Krisenherde" und Kooperation mit anderen Instituionen, darunter Europol. Die "politisch-strategischen Analysen" dienen unter anderem als Entscheidungsgrundlagen für Maßnahmen der EU im Rahmen der "Europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik" (ESVP).

M16 Mitarbeiter kommentiert Gefährdung durch Terrorsimus

Der ehemalige M16 (britischer Geheimdienst) Mitarbeiter Nigel Inkster sprach, laut einem Artikel von The Register, auf der Counter Terrorism Expo in London. Im Zusammenhang mit der, von vielen Datenschutz- und Menschenrechtsgruppen kritisierten, "internationalen Antiterror Datenbank", sagte er:
"Efforts to establish a global repository of counterterrorist information are unlikely ever to succeed. We need to be wary of rebuilding our world to deal with just one problem, one which might not be by any means the most serious we face."
Und über die Frage, wie denn nun die Gefährdung durch den sogenannten internationalen Terrorismus einzuschätzen sei:
"We need to keep terrorism in some kind of context," he said. "For example, every year in the UK, more people die in road accidents than have been killed by terrorists in all of recorded history." "We can't kill or arrest our way out of this problem... we will never solve this issue and live in a terrorism-free world. It has to be managed." As for the West, he said: "We should keep our nerve and our faith in our own values. Our own behaviour - especially with respect to the rule of law - is very important."
Öhm, na wenn das so ist hatten da anscheinend ein paar Politiker was falsch verstanden.

Altes System, neu gestartet

In einem guten Hintergrundartikel "Altes System, neu gestartet" beschreibt Gerhard Neuber für Telepolis die Bedeutung des diesjährigen NATO Sicherheitskonferenz in München. Neuber diagnostiziert eine Rückkehr zu "Entspannung" und Normalität der Verhältnisse zwischen UAS, Russland und EU nach dem Ende der Amtszeit Bush und vor dem Hintergrund der Tatsache, dass sich die Welt anscheinend mit Russlands neuem Großmachtstrebens und seiner wiedererstarkten imperialen Geoploitik im Kampf um "Raum, Energie um Anerkennung" abgefunden hat.
Es war der Mitherausgeber der Wochenzeitung "Die Zeit", Josef Joffe, der das Schlagwort prägte. Als der damalige russische Präsident Wladimir Putin 2007 auf der so genannten Sicherheitskonferenz in München 2007 mit harschen Worten die aggressive Politik des Westens gegen Moskau kritisierte, herrschte zunächst betretenes Schweigen im Saal (Schlagaustausch zwischen Russland und USA). Es war Joffe, der das Schweigen mit seinem deutlich vernehmbaren Urteil brach: "Das ist der neue Kalte Krieg." Zwei Jahre später wurde eben dieser Konflikt zwischen der westlichen Staatenallianz und Russland beigelegt. In sichtlich entspannter Atmosphäre trafen sich Vertreter beider Seiten am Samstag erneut in München.
Die NATO Sicherheitskonferenz findet also zurück zu ihere Funktion, in treutem Einvernehmen die Herschaftsverhältnisse auf dieser Welt auch militärisch abzusichern.
Die Münchner Sicherheitskonferenz ist das weltweit größte Treffen von hochrangigen Politikern des NATO-Raums, Militärs und Vertretern der Rüstungsindustrie. Sie findet seit den 60er Jahren statt, in diesem Jahr wurde das Treffen zum 45. Mal ausgerichtet. Die Veranstaltung ist nicht unumstritten: Nach Angaben von Nachrichtenagenturen nahmen in diesem Jahr über 3000 Menschen an den Protesten gegen sie teil.
Hier noch der Artikel bei Indymedia zur SIKO München